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Salento: Land großer Traditionen

In Salento, Heilige und profane Traditionen bestehen nebeneinander und ergänzen sich auf überraschende Weise.

 Bild stellt ab auf: Salento: Land großer Traditionentaranta, ballerina

Die religiösen Riten und die Taranta

Das Salento ist ein Land tief empfundener Religiosität, aber auch der Fröhlichkeit. Von der Zusammenkunft heiliger und profaner Riten zeugen zahlreiche Veranstaltungen, die mit den Jahren – vor allem in der Sommerzeit – viele Reisende angelockt haben. Ein Bespiel dieses „Zusammentreffens' ist ohne Zweifel das „Fest der Taranta'. Die Tarantola ist eine Spinne, deren Biss der Sage nach hysterische Anfälle auslöst, von denen man sich nur durch einen reinigenden Tanz befreien kann, eben der „Taranta'. Es wird erzählt, dass die Spinnen vor allem die Frauen auf dem Feld bei der Weizenernte, die „Tarantate' genannt wurden, biss. Den starken Schmerzen, die das Gift der Spinne hervorrief, konnte nur mit rhythmischer Musik begegnet werden, zu der die Frauen ohne Unterlass wie entfesselt tanzten, oftmals bis sie das Bewusstsein verloren. Erst in diesem Moment das Gift ausgeschieden und die Frauen von den Schmerzen erlöst.

Bild stellt ab auf: Salento: Land großer Traditionenla tradizione della taranta, 2 ballerine Einigen Anthropologen zufolge sind der Biss, das Gift, die Schmerzen und diese Form des Exorzismus symbolische Elemente, die mit dem Kult des Heiligen Paulus im Zusammenhang stehen. Dieser überlebte den Biss einer Schlange und wird deshalb bis heute als Schutzpatron der „tarantate' verehrt, die sich in der Kirche der Heiligen Pietrus und Paulus in Galatina, in der Provinz von Lecce versammelten. Im Laufe der Zeit ist die Religion und der Aberglaube mehr und mehr hinter dem musikalischen Element zurückgewichen, und so ist die pizzica entstanden, der traditionelle Tanz des Salento. Diese originelle Musikform wird nicht nur von italienischen Künstlern geschätzt, sondern ist mittlerweile weltberühmt.

Die Taranta

Zu einem richtigen Festival für Liebhaber und Experten von Tanz und Musik ist in den letzten Jahren die „Notte della Taranta' herangewachsen, die im August in Melpignano in der Grecia Salentina (griechische Sprachinsel im Landesinneren Salentos) stattfindet. Hier wird die pizzica Salentos wieder zum Leben erweckt und mit Pop und anderen Musikstilen wie World Music, Rock, Jazz bis zu Sinfoniemusik ergänzt. Das Festival wurde 1998 auf Initiative der Gemeinden der Grecia Salentina und des Instituts Diego Carpitella gegründet und ist mit der Zeit dank der Unterstützung der Provinz von Lecce und der Region Apulien zu den heutigen Ausmaßen und der heutigen  kulturellen Bedeutung angewachsen. Auf der Bühne der „Notte della Taranta' standen zahlreiche namhafte Künstler, wie Teresa De Sio, Franco Battiato, Gianna Nannini, Giovanni Lindo Ferretti, Francesco De Gregori,  Piero Pelù, Sud Sound System, Buena Vista Social Club, Lucio Dalla, Carmen Consoli, Massimo Ranieri, Morgan, Vinicio Capossela, Caparezza und Mauro Pagani.

Heilige Riten und Feste

Die Feierlichkeiten zu Ehren des Heiligen Schutzpatrons, die Osterwoche, der Karneval, die Märkte und zahlreichen Feste sind weitere Beispiele für dieses wichtige Kulturgut der Zusammenkunft von heiligen und profanen Traditionen. Die symbolträchtigen Focare (von falò =  Freudenfeuer) werden in der Regel am 19. März zu Ehren des Heiligen Joseph abgehalten. Sie lassen sich auf alte antike Riten der Versöhnung und der Läuterung des Feuers zurückführen und waren ursprünglich heidnische Zeremonien, die die Kirche im Laufe der Zeit dem Christentum und dem Kult des Heiligen Joseph einverleibt hat. Die Feuer wurden der Sage nach von den Menschen entzündet, um den Leib Josephs, der nicht genug Kleider besaß, um sich vor der Kälte zu schützen, zu wärmen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch Essen und Trinken dargeboten. Die eindrucksvollste und berühmteste focara des Salento bleibt aber die von Novoli am 17. Januar, wenn zu Ehren des Heiligen Antonio eine ganze Stadt gemeinsam feiert. Eine weitere wichtige Veranstaltung ist das Fest der Heiligen Petrus und Paulus in Galatina am 28., 29. und 30. Juni.

Bild stellt ab auf: Salento: Land großer Traditionenquaremma, fantoccio della moglie del carnevale

Die Quaremma

Die Quaremma oder Caremma (vom französischen Careme, also Fastenzeit) wird symbolisiert von einer Strohpuppe mit dem Angesicht einer alten, hässlichen, Trauer tragenden Frau, die dem Volksglauben nach die Gattin des Carnevale darstellt. Sie wird direkt nach den Feierlichkeiten auf den Balkonen und Dachterrassen der Häuser als Symbol der Trauer für die soeben beendeten Festlichkeiten ausgestellt. Zwischen ihren Händen hält die Quaremma Flachs und eine Spindel, Symbole der Mühe und der verrinnenden Zeit, und zu ihren Füßen befindet sich eine Orange, in die sieben Federn gesteckt wurde, eine für jede Woche der Abstinenz und Entbehrung. Die Quaremme erscheinen zu Beginn der Fastenzeit auf den Terrassen und bleiben bis zum Ostersamstag, wenn sie endlich entfernt und verbrannt werden können. Das Feuer symbolisiert einmal mehr die reinigende und erneuernde Kraft.

Außerdem ist ein spezielles süßes Brot für die Quaremma berühmt, das cuddhrura, das während der Heiligen Woche hergestellt und am Ostersonntag oder -montag verzehrt wird. Die Süßspeise wird von hart gekochten Eiern garniert und kann verschiedene Formen haben: ein Korb, eine Puppe oder ein Herz, das junge Frauen der Tradition nach ihren zukünftigen Ehemännern schenken.

Zu den wichtigsten religiösen Veranstaltungen zählen die Karfreitagsprozession in Gallipoli, das Fest der  municeddha (Schneckenfest) vom 11. bis 13. August in Cannole, die Nacht von San Rocco vom 15. auf den 16. August mit Tamburinen, pizzica und Tanz in Torre Paduli (Vorort von Ruffano); das Fest der mieru (Weinfest) vom 1. bis 3. September in Carpignano Talentino, das Fest der volìa cazzata (Fest der gepressten Oliven) in der ersten und dritten Oktoberdekade in Martano und vor allem die großartige lebendige Krippe in Tricase auf dem Monte Orco.

Verfasst am 03 April 2010 in der Kategorie Das Territorium

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