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Heilbronner Stime, 2 Oktober 2010

'Wo die Traubenlese Frauensache' ist der Titel des Artikels von Kilian Krauth auf Heilbrinner Stimme.

Bild stellt ab auf: Heilbronner Stime, 2 Oktober 2010Apulien. Bei Familie Rubino in Süditalien geben zwischen den Rebzeilen Weingärtnerinnen den Ton an.

Wir stehen am Absatz des italienischen Stiefels, unweit von Brindisi. An diesem Strand brach Barbarossas Enkel Friedrich II. einst nach Jerusalem auf, das „kint von pülle', wie Minnesänger Walther von der Vogelweide den in Apulien geborenen Stauferkaiser titulierte. Seit Weihnachten 1194, dem Geburtstag dieser Lichtgestalt des Mittelalters, scheint sich hier wenig verändert zu haben: zwischen Friedrichs rätselhaftem Castel del Monte, den engen Gassen der weißen Stadt Ostuni und dem strahlend blauem Himmel. Apulien macht seinem Namen alle Ehre, wörtlich übersetzt heißt die Region „Land ohne Wasser'. Wein gibt es dafür um so mehr. Nur 200 Meter vom Strand entfernt stehen die ersten Rebstöcke. Sie machen so manchen Badegast neugierig. Auf halbem Weg trägt uns der Wind Melodien und Lieder zu. Lauter Frauenstimmen. Sie singen Kellevon Liebe, vom Wein und – tatsächlich: Die Traubenlese ist in vollem Gange. „Wir müssen immer Stornelli singen: um nicht so viele Beeren zu naschen', gibt eine der Frauen lachend zu verstehen. „Stornelli? Ach,das sind frei erfundene Reime.' Die Vorsängerin stellt sich als Grazia Elia vor und entpuppt sich als Capo der munteren Lesetruppe. Zwei Dutzend mögen es sein, und tatsächlich: Hier ernten lauter Frauen. „Das war im Weingut Jaddico schon immer so, weil wir es einfach besser können.'

Männer im Keller

Anna Rubino (64) kann dies nur bestätigen. „Schau, Susumaniello', sagt sie und deutet auf die tiefblauen Trauben. „Das ergibt unseren Spitzenwein: Torre Testa.' Die 67-jährige Mamma steht mit ihren Töchtern Marcella, Mariangela und den Enkelinnen Frederica, Anna und Francesca am Rande der Weingärten. Alle tragen Sonnenbrille. Ein Bild für Götter. Das Vesper ist von dieser Welt: Fladenbrot, Mozzarella, Tomaten, jede Menge Oliven. Doch zum Lesefinale steigt traditionell ein großes Fest, mit mediterranen Köstlichkeiten, Rosato, Musik und Tanz: Gäste sind willkommen. Die Schwiegertochter in spe, Romina Leopardi, gesellt sich zu den Besuchern. „In den Weinbergen haben bei uns von jeher die Frauen das Sagen', erklärt die 40-Jährige: vom Rebschnitt über die Laubarbeit bis zur Lese. Sie ist fest davon überzeugt, dass das weibliche Geschlecht sorgfältiger und einfühlsamer mit den Früchten der Natur umgeht und dieses Wissen an die Töchter weitergibt. „Das ist wie bei der Kindererziehung.' Nur auf dem Schlepper und im Keller hätten die Männer das Sagen. Romina ist eloquent. Sie ist in Australien aufgewachsen, ihr Vater stammt aber aus Trient in Norditalien. In Lecce, unweit von Brindisi, hat sie während des Ökonomie-Studiums ihren Freund Luigi Rubino kennengelernt, den Erben von vier Weingütern mit 200 Hektar. Heute ist Romina in den „Tenute Rubino' für die Vermarktung zuständig. Nachdem sie die Exportquote auf 70 Prozent hochgeschraubt hat, will sie nun den Weintourismus ankurbeln. Abends führt sie ihre Gäste durch die Gassen und Keller von Brindisi. Luigi Rubino hält sich lieber in der eigenen Kelter auf und konzentriert sich „konsequent auf Qualität'. Der Doktor der Ökonomie ließ die Kellerei in Brindisi seit 1990 auf drei Gebäude mit 8000 Quadratmetern Fläche erweitern, hat in Pressen aus Deutschland, Stahltanks aus Norditalien sowie französische Barriques investiert und mit Riccardo Cottarella den berühmtesten Önologen Italiens als Berater gewonnen. 

Neue Generation

„Rund um den Globus ist heute überall alles möglich. Da kann man sich nur durch Regionalität absetzen', sagt der 64-jährige Cottarella und singt ein Hohelied auf autochtone, also regionale Rebsorten. Zu lange seien diese in Süditalien verschwenderisch in billige Massenware eingeflossen, nach Norden verschifft oder zu Mostkonzentrat verarbeitet worden. Mit 100 000 Hektar Rebfläche und einer Jahresproduktion von rund 90 Millionen Hektoliter wird in Apulien jährlich so viel Wein erzeugt wie in ganz Deutschland. Nur fünf Prozent sind als Qualitätswein deklariert. Eine neue Generation von Winzern und Weingärtnerinnen will das ändern: zum Beispiel Familie Rubino.

Anfahrt, Infos und Kontakt

Die Weingärten erreicht man von Brindisi her auf der Strada Statale 379, Ausfahrt Contrada Jaddico. 
Infos: 0039 0831 571 955 oder im Internet: www.tenuterubino.com

 

Verfasst am 06 Oktober 2010 in der Kategorie Presseschau

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